"Der kleine Seestern hat Albträume"


Einmal hatte der kleine Seestern schreckliche Albträume. Immer wieder wurde er von einem riesigen Monsterfisch verfolgt. Aber das allerschlimmste war, dass der kleine Seestern sich in seinem Traum nur ganz langsam bewegen konnte. So wie in Zeitlupe. Der Monsterfisch jedoch war viel schneller und hatte fürchterlich lange Zähne. Sein Maul war so groß, dass er mit Leichtigkeit hundert Seesterne verschlingen konnte, wenn er wollte. Jede Nacht wachte der kleine Seestern von diesen Träumen auf. Danach traute er sich nicht, wieder einzuschlafen. Das ging so weit, dass er irgendwann überhaupt nicht mehr schlief.

Der kleine Seestern sah sehr schlecht aus. Er war blass und schwach. Außerdem konnte er kaum seine Augen offenhalten. Natürlich merkten seine Freunde, dass irgendetwas mit ihm nicht stimmte.
Sie fragten den kleinen Seestern, was mit ihm los sei, und er erzählte ihnen von seinen schrecklichen Träumen. Aber die Freunde waren ratlos und wussten nicht, wie sie dem armen Seestern helfen konnten.

Eines Tages, als der Seestern wieder einmal eine schlaflose Nacht hinter sich hatte, saß er an eine Koralle gelehnt auf dem Grund des Riffs.
Immer wieder schlief der kleine Seestern für ein paar Sekunden ein, wachte aber sofort wieder erschrocken auf. Da bemerkte er, wie sein Freund der Buckelwal auf ihn zu schwamm.
Als der Wal den kleinen Seestern aus der Nähe sah, fragte er ihn besorgt: "Was ist denn mit dir los? Du siehst ja furchtbar aus."
"Oh, Herr Wal," jammerte der Seestern "es geht mir gar nicht gut. Ich habe schreckliche Albträume."
"Albträume?", fragte der Wal zurück. "Was passiert denn in deinen Träumen?"
"Da ist immer dieser fürchterliche Monsterfisch", antwortete der kleine Seestern. "Und jedes Mal wenn ich vor ihm fliehen will, kann ich mich nur so langsam wie eine alte Sumpfschnecke bewegen."
"Ja, das ist grausam", stimmte der Wal zu. "Aber vielleicht kann ich dir helfen."

Der Wal erzählte dem kleinen Seestern, dass man mit etwas Übung selber über seine Träume bestimmen konnte. Was auch immer passierte, man selber konnte seinen Traum verändern.
"Warum fragst du den Monsterfisch nicht mal, ob er schon mal in den Spiegel geschaut hat, er würde doch sehr komisch aussehen." riet ihm der Wal.
Der kleine Seestern war sich nicht sicher, ob das ein guter Vorschlag war und fragte: "Wird der Fisch dann nicht sehr böse werden?"
Da sagte der Wal: "Du darfst ihm deine Angst nicht zeigen."
Der kleine Seestern bedankte sich beim Wal und beschloss, das Ganze einmal auszuprobieren. Er suchte sich ein ruhiges Plätzchen und schloss die Augen. Ein bisschen komisch war dem Seestern schon zu Mute, aber schließlich schlief er völlig erschöpft ein.

Es dauerte nicht lange, da schwamm der Monsterfisch in seinem Traum an ihn heran. Mutig stellte sich ihm der kleine Seestern in den Weg.
"H-hey, G-grossmaul", stotterte er. "Ha-haben w-w-wir h-heute schon mal in den Sp-spiegel ge-geschaut? S-sie g-geben ja `ne ko-komische Figur ab. "
Grimmig schoss der Monsterfisch auf den Seestern zu.
"Oh nein, es klappt nicht", jammerte der kleine Seestern. Er versuchte wegzuschwimmen, doch der Schatten des Monsterfisches hatte ihn schon eingeholt.
Vor Angst wachte er auf. Er war enttäuscht, dass es nicht geklappt hatte, den schrecklichen Fisch loszuwerden. Der kleine Seestern dachte nach.
"Was habe ich nur falsch gemacht?", sagte er leise.
Da erinnerte er sich wieder an die Worte des Wals. "Du darfst ihm deine Angst nicht zeigen", hatte er gesagt. Der Seestern nahm all seinen Mut zusammen und schloss noch einmal seine Augen.

Schon erschien hinter einem Felsen der riesige Monsterfisch. Mit fester Stimme schrie der kleine Seestern ihn an: "Ich wette du hast zu Hause keinen Spiegel, sonst würdest du dich mit deiner Gestalt nicht unter die Meeresbewohner trauen."
Der Monsterfisch sah ihn verdutzt an und schwamm dann auf den kleinen Seestern zu. Da überkam diesen schon wieder die Angst, und er wollte fliehen.
Doch dieses Mal kam der arme Seesternüberhaupt nicht mehr von der Stelle. Er war völlig verzweifelt, als er plötzlich auf dem Meeresgrund eine Muschel entdeckte. Mit aller Kraft gelang es ihm, die Muschel aufzuheben. Dann drehte er sich um und rief:
"Halt, du gefrässiger Schrecken der Meere! Ich habe keine Angst vor dir. Ich bin nämlich ein großer Zauberer."

Der Monsterfisch hielt an und hörte, was der Seestern ihm zu sagen hatte.
"Das hier", erklärte der Seestern und zeigte auf die Muschel "ist meine Zaubermuschel. Wenn ich will, kann ich dir ein paar Hasenzähne verpassen."
Wütend setzte der Monsterfisch zum Angriff an.
Der Seestern aber rührte sich nicht. Stattdessen murmelte er vor sich hin: "Blubber blubber sprudel platsch, glucker gurgel flutsch!"

Kaum hatte der Seestern den Muschelzauberspruch zu Ende gesagt, da verwandelten sich die langen, spitzen Zähne des Fisches in zwei schiefe, abgenutzte Hasenzähne. Der Monsterfisch hielt inne und starrte den kleinen Seestern verdutzt an.
"Da guckst du, was?", sagte der kleine Seestern wie ein König.
Wieder fing er an, die Muschel zu beschwören.
"Blubber blubber sprudel platsch, glucker gurgel flutsch!"

Plötzlich wuchs dem Monsterfisch eine Schweinchennase und ein schwarz-weiß getupfter Kuhschwanz. Als der Fisch das bemerkte, schämte er sich sehr, aber der kleine Seestern ließ nicht locker.
Noch einmal sprach er: "Blubber blubber sprudel platsch, glucker, gurgel flutsch!
Zack! Da hatte der Monsterfisch auch schon Elefantenohren und einen roten Hahnenkamm. Entsetzt schwamm der Monsterfisch davon.
Der kleine Seestern hielt sich vor Lachen den Bauch, denn jetzt sah der Fisch wirklich zu komisch aus.

Der Wal fand den lachenden Seestern, aber es schien als bemerke er den Wal gar nicht. Dann erkannte er, dass der kleine Seestern schlief.
Sanft berührte der Buckelwal seinen Freund mit der Brustflosse. Der kleine Seestern wachte auf und erzählte dem Wal aufgeregt von seinem Traum.
Die beiden lachten noch lange, und schon bald sah der kleine Seestern wieder richtig gesund aus.
Der Monsterfisch aber hatte sich nie wieder in seine Träume gewagt, und auch andere gefährliche Monster hielten sich von ihm fern. Kein Wunder! Wer würde es auch schon mit einem so großen Zauberer wie dem kleinen Seestern aufnehmen?




© Bianca von der Burg

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