"Das Geheimnis der Seesterne"
Weit unten im tiefen Meer lebte einmal ein kleiner Seestern. EinesTages zog er mit seiner Familie auf ein Riff. Das Riff bestand aus wunderschönen Korallen und sah aus wie ein bunter Garten, in dem lustige Fische lebten. Manche von ihnen leuchteten im Sonnenlicht, was man im flachen Wasser sehr gut sehen konnte. Sie schillerten in allen möglichen Farben. Dem Seestern gefiel es auf dem Riff. Er hatte noch nie vorher so etwas schönes gesehen. Dort, wo er her kam, war alles grau und dunkel gewesen.
Aber hier war alles bunt, hell und freundlich. Schnell fand der kleine Seestern neue Freunde, mit denen er schon am ersten Tag die tollsten Abenteuer bestand. Am Abend war er dann so müde, dass er schnell einschlief. Mitten in der Nacht aber wachte der kleine Seestern auf. Als er seine Augen öffnete, entdeckte er plötzlich übersich ein Licht. Da er sehr neugierig war, schwamm er an die Wasseroberfläche. Nun sah er, dass das Licht von einer seltsamen Scheibe kam, die am Himmel hing. Sie schimmerte silberblau und war so schön, dass der kleine Seestern gar nicht mehr woanders hinschauen konnte. Er starrte dieses merkwürdige Ding mit grossen Augen an.
Auf einmal hörte er ein geheimnisvolles Singen. Es war ein mächtiger, wunderschöner Buckelwal, der sich ihm näherte. Der kleine Seestern beschloss, ihn zu fragen, ob er wüsste was dieses seltsame Licht sei.
"Hallo, Herr Wal", rief der Seestern, während er dem Wal vor dem rechten Auge herumschwamm. Der Wal unterbrach seinen Gesang und schaute den Seestern verdutzt an.
"Können sie mir sagen, was das für ein geheimnisvolles Licht ist, das da oben am Himmel scheint?" fragte der Seestern.
Der Wal lächelte und fragte zurück "ja, weisst du das denn nicht? Das ist die Sonne der Nacht, aber von den meisten wird sie einfach nur Mond genannt. Jede Nacht freuen wir uns über ihren hellen Schein."
"Die Sonne der Nacht..." schwärmte der kleine Seestern. "Ich wünschte, ich könnte wenigstens ein einziges Mal zu diesem wunderschönen Licht reisen." sagte er.
Da fing der grosse Wal fürchterlich an zu lachen und sagte: "aber du bist doch ein Seestern! Ich glaube du kennst das grosse Geheimnis der Seesterne nicht, obwohl du selber einer bist."
"Welches Geheimnis meinen sie denn?" fragte der Seestern neugierig.
Da erzählte ihm der Wal, dass alle Seesterne nachts hinauf in den Himmel schweben konnten, um ihre verstorbenen Verwandten dort zu besuchen.
Der Seestern sah den Wal verwundert an und fragte: "wo sind denn diese Verwandten?"
Nun konnte sich der Wal vor Lachen kaum noch halten. "Hast du denn keine Augen im Kopf?", sagte er, "du brauchst nur in den Himmel zu schauen, dann siehst du sie."
Der kleine Seestern sah nach oben, aber alles was er entdecken konnte waren tausende kleine Lichtpunkte, die am schwarzen Nachthimmel leuchteten.
"Ich sehe nur viele kleine Lichter." protestierte der kleine Seestern.
"Kann denn ein Seestern alleine so unwissend sein?" verzweifelte der Wal. Er erzählte seinem Freund, dass die "Lichter" Sterne genannt wurden, und dass es die Seelen verstorbener Seesterne waren, die nach dem Tod für immer in den Himmel schwebten.
Der kleine Seestern war erstaunt über all die neuen Dinge, die der Wal ihm erzählte, und fragte ihn "Sie meinen also, ich kann wann immer ich will in den Himmel fliegen?"
"Natürlich", antwortete der Wal," du bist doch ein Seestern. Aber nur nachts kannst du deine Verwandten im Himmel besuchen. Am Tag musst du verborgen im Meer leben."
Mit diesen Worten verabschiedete sich der Wal, fing wieder an zu singen und schwamm wie ein König davon.
Sofort machte sich der Seestern wieder auf den Weg an die Wasseroberfläche. Dort angekommen schloss er die Augen und wünschte sich nichts sehnlicher, als in den Himmel zu steigen, um den Mond aus nächster Nähe zu bewundern. Und tatsächlich, der kleine Körper hob sich aus dem Wasser und schwebte hinauf in den Nachthimmel. Ein wohliges, warmes Licht umhüllte den Seestern, und noch von Weitem konnte man erkennen, dass es bläulich- silbern schimmerte.
Als der kleine Seestern auf dem Mond ankam, staunte er nicht schlecht. Hier gab es Berge und Täler und alles erstrahlte in silbrigem Glanz. Und der Mond war auch keine Scheibe, sondern eine Kugel. Der Seestern drehte sich um und entdeckte am Mondenhimmel eine blaue runde Platte von einmaliger Schönheit.
"Das ist mein schönes Meer aus dem ich herkomme", erkannte der kleine Seestern.
"Wie wunderschön es von hier oben aussieht. Nur leider kann man unser buntes Riff von hier aus gar nicht sehen."
Der Seestern schaute sich noch eine Weile um, und beschloss dann, wieder nach Hause zurück zu kehren. Da ihm aber die Mondlandschaft so gut gefiel und er ein Andenken an seine Reise haben wollte, hob er einen Mondstein auf und nahm ihn mit.
Dann trat er an die Unterseite des Mondes heran, sprang ab und ließ sich als wunderschöne Sternschnuppe in den Himmel fallen. Sie schillerte rot, gelb, grün und blau und erhellte den Nachthimmel für kurze Zeit. Anschliessend tauchte er ins Meer ein und schwamm zurück zu seinem Riff. Erschöpft legte er sich hin, worauf er bald einschlief und vom Mond träumte.
Als der kleine Seestern am nächsten Morgen aufwachte, rief er alle seine Freunde zusammen und erzählte ihnen von dem grossen Seesterngeheimnis. Gespannt hörten sie ihm zu und bewunderten den glänzenden Mondstein. So etwas Schönes hatten sie in ihrem ganzen Leben noch nicht gesehen.
"Ist es wirklich wahr, dass wir nachts in den Himmel schweben können? Und stimmt es, dass die Sterne die Seelen unserer Vorfahren sind?" fragte ungläubig ein anderer Seestern.
"Ja" antwortete der kleine Seestern, "der weise Wal hat es mir erzählt, und ich selber war dort oben."
"Wie ist es dort?" fragte der andere Seestern zurück.
Da sagte der kleine Seestern nur "wunderwunderschön!"
In der nächsten Nacht stiegen tausende bläulich-silberne Lichter aus dem Wasser und schwebten hinauf zu den Sternen. Einige Zeit später fiel ein mächtiger Sternschnuppenregen, der den Nachthimmel in ein buntes Farbenmeer verwandelte. Überall glänzte, blitzte und schillerte es von roten, gelben, grünen und blauen Sternschnuppen. Als alles wieder vorbei war, waren über dem Meer nur noch die alten Seesternseelen und die Sonne der Nacht zu sehen. An der silberblauen Scheibe jedoch fehlte ein Stück.
Auch in den folgenden Nächten konnte man den schillernden Sternschnuppenregen bewundern. Und jedes Mal fehlte ein weiteres Stück in der Mondscheibe, bis am Ende nur noch eine schmale Sichel übrig blieb.
Am nächsten Abend aber war der Mond ganz verschwunden. Die Nacht war rabenschwarz. Nur hunderttausende Seesternseelen hingen am Himmel und weinten. Aus ihren Tränen bildeten sich Wolken, die den Himmel bedeckten, und es fing an zu regnen. Als die Meeresbewohner dies sahen, wurden auch sie sehr traurig.
Überall im Wasser glitzerte Mondstein, aber keiner wollte
sich so recht darüber freuen. Da suchte der weise Buckelwal nach dem kleinen Seestern. Als er ihn gefunden hatte, sprach er zu ihm: "sieh dich um, kleiner Freund. Die Nacht ist pechschwarz und alle Bewohner des Meeres sind traurig.
Ohne die Sonne der Nacht gibt es keine Freude auf der Welt."
"Sie haben Recht, Herr Wal", antwortete da der kleine Seestern. "Es gibt Dinge, die kann man bewundern und sich über sie freuen. Doch wenn man sie besitzen will, haben
alle etwas verloren. Ich werde meine Freunde bitten, den
Mondstein zurück zu bringen."
Der Wal bedankte sich bei dem kleinen Seestern, der sich noch in der selben
Nacht auf den Weg machte, um seinen Mondstein in den
Himmel zu hängen. Danach bat er seine Freunde um das Gleiche. Es hörte auf zu regnen und die Wolken verzogen
sich. Am Himmel sah man wieder hunderttausende Seesternseelen, die vor Freude prächtiger leuchteten als vorher.
In den kommenden Nächten stiegen wieder viele bläulich-
silberne Lichter aus dem Wasser. Nur der Sternschnuppenregen, der darauf folgte war nicht bunt, sondern golden.
Nacht für Nacht füllte sich die Mondscheibe wieder, und
jede Nacht glänzte sie ein bischen mehr. Bald hatte auch
der letzte Seestern seinen Mondstein zurückgebracht, und
die Sonne der Nacht strahlte wieder mit vollem Schein.
Die Meeresbewohner waren darüber so glücklich, dass sie
ein großes Fest veranstalteten. Die Wale sangen fröhlich, tausende Delphine sprangen glücklich aus dem Wasser
und tauchten wieder ins Meer ein, während sie vor Freude
mit dem Schwanz schlugen. Die Seepferdchen tanzten
ausgelassen und die Kraken umarmten sich vor Glück.
Die ganze Nacht über sah man bläulich-silberne Lichter
aufsteigen, die die Sterne berührten und als prächtige,
goldene Sternschnuppen wieder vom Himmel fielen.
Von diesem Tage an beschlossen die alten Seesternseelen,
den Mond immer wieder zu verdunkeln, um alle Seesterne
für alle Zeit daran zu erinnern, wie durch Habgier große
Traurigkeit zu den Bewohnern des Meeres kam.
Damit sie es auch wirklich nicht vergessen, feiern sie noch
heute, wie auch damals, einmal im Jahr das Fest der Freude.
Sie tanzen, singen, lachen und die ganze Nacht über regnet
es golden glänzende Sternschnuppen, während der Mond
kreisrund und silberblau am Himmel scheint.
©
Bianca von der Burg
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