"Ein wahrer König"
Everett König war Milliardär!
Er war fünfzig Jahre alt und hatte immer alles, was er bekommen wollte. Er fuhr die edelsten Karossen und vernaschte alle schönen Frauen, die sich ihm anboten, weil sie an seinem Reichtum teilhaben wollten. Er hatte Macht und jede Menge Freunde, von denen er jedoch nie wußte, wie echt sie waren. König war ein intelligenter Mensch mit viel Sinn für Humor. Aber er wurde immer unzufriedener und seine Witze immer schlechter. Sein Reichtum machte ihn nicht glücklich, und er hatte aufgegeben, ständig wie ein Irrer neuen Träumen nachzujagen, - denn die Erfüllung eines Traumes war immer wieder ernüchternd: Sobald er etwas besaß, wurde es uninteressant, und es langweilte ihn. Er jagte im Grunde nur Illusionen hinterher und
er fühlte sich inzwischen ganz schön verarscht. Schon länger quälte ihn diese Erkenntnis und er verbrachte viel Zeit damit nachzudenken, was der Sinn des Lebens denn sei. Er probierte es mit Malen und Schreiben, mit verschiedenen kreativen Beschäftigungen. Die brachten jedoch bestenfalls eine Milderung. Aber König wollte von seinem Leiden geheilt werden und er war besessen davon, den rechten Weg zu finden.
Alle großen Philosophen hatte er gelesen mit dem Resultat, daß er am Schluß noch mehr Fragen mit sich herumschleppte als zuvor. Er hatte sich mit seinen sogenannten Freunden über sein Problem unterhalten, und die meinten nur, er solle sich doch über derartig absurde Fragen nicht den Kopf zerbrechen. Doch mit einer solchen oberflächlichen Antwort wollte sich König nicht zufriedengeben. Er mußte es auf eigene Faust herausfinden. Er nahm Kontakt mit seriösen Physikern, Psychologen und Parapsychologen auf und führte mit ihnen ausführliche Gespräche. Die Filmdokumente der Parapsychologen waren unglaublich interessant und König kam mit den Wissenschaftlern zu der Feststellung, daß es Dinge zwischen Himmel und
Hölle gibt, die es eigentlich gar nicht geben dürfte.
Auch die Wissenschaft förderte also nur neue Fragen zutage. Dann widmete sich König den Religionen und der Esoterik. Er hätte früher, als er an solche Dinge keinen Gedanken vergeudete, nie geglaubt, wie komplex alles ist.
Eines Tages hob er von der Bank eine Million Mark ab und steckte das Geld in Hunderttausend-Mark-Bündeln in verschiedene Taschen seines Mantels. Dann schlenderte er durch die Innenstadt und sah sich die Leute an. Was mochte wohl in deren Köpfen alles vorgehen?
Ein Junge drückte sich seine Nase an einem Schaufenster platt. Es war ein Spielwarengeschäft - allerlei Spielzeug, das Kinderherzen höher schlagen läßt.
"Na, Junge, was würdest du dir kaufen, wenn du Geld hättest?"
"Ich würde mir die Eisenbahn kaufen", sagte der Bub verträumt und verfolgte fasziniert die Lokomotive auf ihren verschlungenen Gleisen.
König holte einen Tausend-Mark-Schein hervor und streckte dem Jungen das Geld hin.
"Hier! Geh rein und kauf dir die Eisenbahn", sagte er lächelnd.
Das Gesicht des Jungen funkelte wie ein Stern auf. Er fand nicht einmal die Ruhe, sich richtig zu bedanken, als er auch schon mit dem Geld in den Laden lief.
König ging amüsiert weiter.
Ein alter Penner bettelte in der Fußgängerzone und König setzte sich neben den armen Mann, der nach Pisse und Schweiß roch.
"Hallo, mein Freund", sagte Everett. "Wie geht´s? Ist das Betteln heute ergiebig?"
Der Bettler stöhnte gequält: "Die Herzen der Menschen versteinern immer mehr. Fast niemand gibt mehr was. Alle Tage bete ich zu Gott, er möge mich doch sterben lassen. Ich habe genug gelitten und mitgemacht. Nirgends kann man noch in Ruhe Platte machen. Oft wird man mit Fußtritten aus dem Schlaf geholt. Die Menschen sind so böse und verständnislos, sie ahnen
nicht, wie leicht man doch auf der Straße landet."
"Wie war´s denn bei dir?"
Der Bettler runzelte die Stirn und sagte: "Du bist Sozialhelfer oder sowas, erraten? Denn normalerweise interessiert das doch niemanden."
"Bin ich nicht, aber es interessiert mich trotzdem."
Der alte Mann sah König einige Sekunden lang nachdenklich in die Augen und begann dann, wahrheitsgemäß zu erzählen:
"Bei mir war es ein klassischer Fall. Erst verlor ich meinen Arbeitsplatz, dann ließ sich meine Ex-Frau von mir scheiden ... Nur ganz wenige führen freiwillig ein Leben als Penner. Eine alte Regel besagt, einmal auf der Straße, immer auf der Straße. Man hat kaum eine Chance wieder in ein normales Leben integriert zu werden. Und ich weiß, wovon ich rede, immerhin lebe ich nun schon seit zehn Jahren auf der Straße."
König nickte verständnisvoll.
"Ich schätze, heute ist Ihr Glückstag", sagte er und legte ihm dreihunderttausend Mark in den Hut. "Es ist mir egal, was Sie mit dem Geld anstellen, aber wenn Sie von der Straße weg wollen, dann kleiden Sie sich erst einmal gut ein, nehmen sich eine Wohnung und suchen sich eine Arbeit."
Mit großen Augen stotterte der Bettler: "Sie erlauben sich einen Scherz mit mir. Das Geld ist sicher nicht echt."
"Seien Sie versichert, es ist echt."
König stand auf und schlug sich den Staub vom Mantel.
Als der Bettler das Wasserzeichen ausmachen konnte, explodierte ein Glücksgefühl in seinem Kopf. Das war besser als ein guter Fick, Weihnachten, Geburtstag, leckeres Essen, guter Wein, ein warmer, ruhiger Platz zum Schlafen, besser als das alles zusammen. Schließlich konnte er seine Tränen nicht mehr zurückhalten.
"Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll", schluchzte der alte Mann. "Gott behüte sie!"
König wich zurück, als der alte Mann ihm die Schuhe küssen wollte. Er schämte sich, weil der Mann sich vor ihm so erniedrigte.
"Hören Sie auf. Ich freue mich, weil Sie sich freuen, und das ist Lohn genug."
"Ich werde für Sie beten", weinte der Bettler. "Dafür werden Sie zu Gott in den Himmel kommen!"
"Ich glaube an keinen Himmel. Alles nur Betrug. Ich glaube an das Gute in uns Menschen. Aufwiedersehen!"
Dann ging König in die nächstbeste Kneipe und nahm den nächstbesten Platz am Tresen. Eine alte Frau saß neben ihm. Sie linste ihn über den Rand ihres Glases hinweg an und sagte schlicht: "Hallo!"
König erwiderte den Gruß.
Für ihn war dieser Ausflug ein kleines Abenteuer. Schon lange hatte er keinen so engen Kontakt mehr mit dem einfachen Volk gehabt.
"Was wollen Sie trinken?" fragte der Barkeeper.
"Ein Pils, bitte!"
Der Barkeeper stellte ihm eins hin und er nahm gleich einen kräftigen Schluck zu sich. Dann sah er sich ein bißchen um. Die Kneipe war fast voll. Ein junger Mann spielte Flipper. Die zwei Glücksspielautomaten an den Wänden wurden hartnäckig von einem Mann um einen Gewinn bemüht. Gemischtes Puplikum. Wirklich sehr gemütlich. Jemand fütterte die Musikbox mit
Kleingeld. Charlie Rich sang Stay. König horchte auf.
"Eine wunderbare Schnulze, finden Sie nicht auch?"
"Ein Gedicht!" erwiderte Everett, dem der Song durch und durch ging.
Dann lauschten beide weiter dem Song. König hatte urplötzlich das Gefühl, als wenn alles perfekt wäre. Er schmunzelte deswegen. Wie einfach manchmal alles doch sein kann.
Die alte Frau fischte eine Fliege aus ihrem Bier und setzte diese auf den Rand des Glases, wo sie dem Insekt auf den Körper drückte und es anschrie: "Spuck´s aus! Spuck´s aus, sag ich! Na, wird´s bald!"
Sie lachte über den alten Witz, und König mußte noch mehr lachen, als sie dabei sämtliche Zahnlücken entblößte. Dann erzählte sie ihm von den Höhen und Tiefen ihres Lebens, natürlich mehr Tiefen als Höhen, und König hörte ihr interessiert zu. Lange hatte sie sich die Miete und das Essen als Putzfrau verdient, hatte Klopapier in Toiletten gehängt - und solche Sachen.
Besonders bemerkenswert fand König ihre Schilderung jener Jahre, als sie gegen den Krebs angekämpft hatte. So beschissen das Leben auch sein mag, man will solange weitermachen, bis der Sensenvater kommt und dem ganzen Schabernack ein Ende bereitet.
"Und was machen Sie beruflich?" fragte sie. "Der Kleidung nach zu urteilen, könnten Sie ein Versicherungsvertreter oder ein Immobilienmakler sein. Sind Sie verheiratet?"
"Ich halte die Ehe für den Tod der Liebe, der Freiheit und der Unabhängigkeit! Und es wäre wohl das Aus für meinen Job als Versicherungsvertreter. Es scheint also zu stimmen, daß man einen Versicherungsvertreter schon von einem Kilometer Entfernung erkennen kann. Ich bin entsetzt!"
Sie lachte.
"Sie sind also noch solo! Aber was spielt das schon für eine Rolle. Sicher würden Sie keine so alte Schreckschraube wie mich glücklich machen wollen."
"Die wahre Schönheit kommt von innen heraus", sagte Everett und legte seine rechte Hand aufs Herz.
"Ach, Sie sind ein alter Schmeichler!"
"Das lernt man alles als Versicherungsvertreter", sagte er und winkte dem Barkeeper zu.
"Bitte?"
König streckte ihm einen großen Schein hin.
"Halten Sie ein Auge darauf, daß hier niemand verdurstet!"
"Oh, vielen Dank!"
Die Leute entwickelten einen beachtlichen Durst, als sie erfuhren, daß kostenlose Drinks eingegossen wurden. Da kam Stimmung auf! Dann ging König die Musikbox füttern. Er wählte Chris Spedding: Gunfight. Catch the train. Danach ein paar Elvis-Hits. Dann begab er sich zurück an den Tresen und unterhielt sich angeregt weiter mit der Frau. Doch bald war sie total
blau und redete nur noch Kauderwelsch. Letztendlich kippte ihr Kopf nach vorne, und sie schlief ein. König steckte ihr ein paar Bündel Geldscheine ins Jackett und verließ die Kneipe.
Innerlich triumphierend, ging er nach Hause. Schon lange hatte er keine so prächtige Laune mehr gehabt. Kaum hatte er seinen goldenen Käfig betreten, wie er sein Heim nannte, klingelte auch schon das Telefon. Er hob ab.
"Hier König, wer dort?"
"Hallo, alter Knabe, hier ist Henry! Wie geht´s denn so? Hab den halben Tag vergebens versucht, dich zu erreichen. Wo warst du denn?"
"Hallo Henry! Ich war in der Stadt!"
"Was hast du denn da gemacht, du alter Schlawiner? Dir einen neuen Sportwagen gekauft?"
"Nein, ich habe eine Million Mark verschenkt!"
"DU HAST WAS?! EINE MILLION MARK VERSCHENKT?!"
"Du hast vollkommen richtig gehört. Und weil´s so viel Spaß macht, morgen gleich wieder dasselbe. Kein Sportwagen, egal was, nichts hat mir je so viel Freude bereitet wie heute das Gefühl, Menschen beglückt und ihnen geholfen zu haben."
"Hast du den Verstand verloren?"
"Nie zuvor dachte ich so klar!"
Dann knallte König den Hörer in die Gabel. Früh am Abend ging er zu Bett. Er hätte jetzt gern das Gesicht der alten Frau gesehen, wie sie das viele Geld in ihrer Tasche entdeckte. Innerlich frohlockte er. Er schaltete das Radio leise auf klassischen Empfang und hatte seit Jahren heute wieder zum ersten Mal das Gefühl, den Tag sinnvoll gelebt zu haben. Er freute sich
darüber aus tiefsten Herzen. Empfanden Heilige früher ähnlich?
Dann dachte er an die vielen hungerleidenden Kinder dieser Welt und an eine Weltreise, um selbst an Ort und Stelle aktiv zu werden. Mit solchen Gedanken glitt er selig in einen himmlischen Traum hinüber, begleitet von Gustav Holst: "Die Planeten", die kurz nach zweiundzwanzig Uhr auf 91.00 UKW übertragen wurden.
©
Klaus Knapp
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