Soldaten USMC


[ Antworten ] [ Ihre Antwort ] [ Forum www.internet-stories.de ]

Abgeschickt von Andrew Patterson am 03 Januar, 2006 um 14:04:50

Andrew Patterson schritt durch die Terrassentür in den Garten. Es war früher Morgen, und ein sanfter Wind wehte. Es war der typische warme Februar in Texas. Sogar an den Abenden war es mild. Andrew war nicht mehr der Jüngste. Die Zeit in der Army hatte deutliche Spuren in seinem Gesicht hinterlassen. Er spürte nicht den traurigen Blick seiner Frau Elaine, die ihm nachsah. Beide wussten, welcher Tag heute war - der Geburtstag seines Sohnes Andreas. Elaine folgte ihrem Mann und hakte sich bei ihm ein. Wie so oft an diesem besonderen Tag im Februar sahen beide Richtung Osten und zum Himmel. Weit im Osten und über dem Atlantik lebte Andrews Sohn Andreas - in Berlin, Deutschland. Dort war Andrew für drei Jahre stationiert gewesen.

„ Was wird er heute wohl machen?\" fragte Elaine.

„ Seinen 19. Geburtstag feiern. Wenn er aus der Schule kommt, wird er seinen neuen Wagen vor der Haustür vorfinden,\" erwiderte Andrew.

„ Den Wagen, den wir für ihn ausgesucht haben? Den Jeep?\"

„ Ja, Liebes. Seine Eltern schrieben ja, dass dieser Jeep seit langem sein Traum ist. Den habe ich meinen Jungen nun erfüllt - auch wenn er mich nicht kennt.\"

Elaine spürte beim letzten Satz eine Bitterkeit in seiner Stimme und lehnte den Kopf an die Schulter ihres Mannes.

„ Wir hätten ihn damals doch holen sollen - als du aus Vietnam wieder gekommen bist.\"

„ Nein. Ich gebe meinen Sohn nicht zu einer guten Familie und nehme ihnen den Jungen nach 7 Jahren wieder weg. Das hätte ihnen das Herz gebrochen.\"

„ Aber was ist mit deinem Herzen, Andy?\"

„ Geht schon Liebes. Ich habe ihn nur drei Monate gesehen. Seine Eltern haben ihn nun fast 19 Jahre gehabt. Sie lieben ihn, wie ihren eigenen Sohn. Er ist gut aufgewachsen, er ist gut in der Schule und ein ganzer Mann. Er wird mir von Jahr zu Jahr ähnlicher.\"

„ Ich weiß. Ich kenne die Fotos, die wir jeden Monat aus Deutschland bekommen. Seit ich dich kenne, blickst du mindestens einmal die Woche gen Osten. Ich sehe die Traurigkeit in deinem Blick, ich spüre sie in deinem Herzen.\"

„ Ja. Ich liebe meinen Sohn sehr - obwohl ich ihn über 18 Jahre nicht gesehen habe... außer auf den Bildern, die man mir einmal im Monat schickt.\"

„ Was meinst du? Werden wir ihn eines Tages zu Gesicht bekommen - von Angesicht zu Angesicht - und mit ihm sprechen?\" fragte Elaine.

„ Wenn er es möchte, dann sehr gerne. Es wird nur sehr schwer werden, ihm alles zu erklären. Und ob er es selbst dann je verstehen wird?\"

„ Ich hoffe, dass er es verstehen wird und wir ihm eines Tages gegenüberstehen. Du weißt ja, dass ich keine Kinder bekommen kann oder je konnte. Ich danke dir, dass du bei mir geblieben bist.\"

„ Ich liebe dich, Elaine. Es gab und gibt niemals einen Grund, dich zu verlassen - damals nicht und nicht in Zukunft.\"

„ Weil du Andreas hast?\"

„ Nicht nur aus diesem Grund, sondern, weil ich mit dir zusammen leben möchte. Du bist eine wundervolle Ehefrau, ich liebe dich sehr.\"

Andrew küsste ihre Stirn. Sie war einen halben Kopf kleiner als er. Für ihr Alter war sie wunderschön. Ihre langen braunen Locken wehten im Wind, der nun böig auffrischte.

„ Lass uns bitte reingehen und früh…\"


Das Telefon unterbrach ihn.

„ Nanu, wer ruft so früh am Morgen an?\" fragte Elaine.

Ihr Mann ging ins Wohnzimmer. Das Telefon klingelte erneut. Er nahm den Hörer ab.

„ Hallo? Patterson hier.\"

„ Sind Sie Andrew Patterson?\" fragte eine Frauenstimme.

„ Ja. Darf ich fragen, wer Sie sind?\"

„ Mein Name ist Christiane Lewis. Ich bin Andreas Schwester.\"

Andrew schluckte kurz und stellte das Telefon auf \'laut mithören\'. Seine Frau wollte fragen, was los ist, aber Andrew winkte mit einer raschen Bewegung ab.

„ Warum rufen Sie mich an? Stimmt etwas nicht mit Andreas? Ist ihm etwas passiert?\" fragte Andrew besorgt.

„ Nein. Es geht ihm gut. Leider hat er heute etwas erfahren, was Sie und ihn betrifft.\"

„ Was erfahren?\"

„ Dass Sie sein Vater sind - die ganze Wahrheit.\"

„ Jesus. Sind Sie gerade bei ihm?\"

„ Nein, nein, ich lebe in Buford, England. Meine Eltern haben mich vorhin angerufen.\"

„ Hat er irgendetwas gesagt oder gefragt?\"

„ Er fragte, wer Sie sind und warum Sie ihn weggaben. Das können nur Sie ihm beantworten.\"

„ Was verlangen Sie da von mir?\" Andrew wurde lauter. \"Ich wüsste wirklich nicht, was ich ihm jetzt und heute sagen sollte.\"

„ Meine Eltern sind sehr besorgt. Mein Bruder - und das wird er immer bleiben -, hat sich in sein Zimmer verkrochen und schweigt.\"

„ Verständlich. Das würde jeder so machen. Ich danke für den Anruf.\"

„ Ich bin noch nicht fertig. Mein kleiner Bruder steht gerade in seinem entscheidenden Jahr, er macht Abitur. Sie wissen ja, dass er sehr gut in der Schule ist. Wir befürchten, dass er alles hinschmeißt und sich seine Zukunft ruiniert.\"

„ Können Sie mir sagen, was ich tun soll - etwa nach Berlin fliegen und sagen: Hallo, hier bin ich. Ich bin dein Vater?\"

„ Ich weiß es auch nicht, wirklich nicht.\"

„ Wie hat er es rausgefunden?\"

„ Es war der Jeep, den Sie ihm schenkten - ein amerikanischer Jepp. Die Briefe, die Sie mit meinen Eltern austauschten, dann der Jeep - da konnte Andreas leicht Zwei und Zwei zusammenrechnen. Kein so genannter \"Freund\" schenkt einem einen Jeep, vor allem keiner, den man nicht einmal kennt. Nach und nach gestanden meine Eltern die Wahrheit ein.\"

„ Jesus. Ich könnte mich ohrfeigen, das war ein großer Fehler.\"

„ Nein. Es war kein Fehler. Das hat uns alles sehr belastet - jeden von uns. Immer die bange Frage, ob und wann erfährt er es? So ist es gut. Nur muss er bald die Wahrheit erfahren.\"

„ Ich kann jetzt nicht hier weg. Sie wissen ja, ich bin Offizier in der US Army.\"

„ Ich mache Ihnen einen Vorschlag, Mr. Patterson. In sechs Wochen hat Andreas Osterferien. Ich werde meinen Bruder zu mir einladen. Nach einer Woche werden Sie dazukommen. Das dürfte Ihnen Zeit lassen, Ihre Gedanken zu ordnen und sich auf das Treffen vorzubereiten. Mehr kann ich nicht tun. Der Rest bleibt Ihnen überlassen.\"

„ Ich werde es mir überlegen und Sie in ein paar…Moment bitte.\"

Andrew hielt die Hand auf den Hörer, weil seine Frau ihn anstupste und leicht sauer wirkte.

„ Was gibt es da noch zu überlegen, Andy? Wir fliegen nach England - keine Widerrede.\" Elaine wurde etwas lauter.

Andrew sah sie kurz und durchdringend an, dann nickte er.

„ Hallo? Sind Sie noch dran?\"

„ Sicher.\"

„ Ich danke Ihnen sehr für den Anruf. Wir werden kommen. Wenn Sie mir Ihre Telefonnummer geben, werde ich Ihnen mitteilen wann.\"

„ Kein Problem.\"

Andrew schrieb die Nummer auf den Notizblock. Er legte den Hörer auf die Gabel und atmete tief, tief durch. Elaine merkte, wie er leicht zitterte und kam näher. Andrew liefen ein paar Tränen über die Wangen. Vor seiner Frau schämte er sich nicht. Sie nahm ihn in den Arm, beide weinten. Bald würde eintreten, was sie sich immer erhofft hatten. Sie würden Andreas sehen und nach all den vielen Jahren endlich mit ihm sprechen können. Beide wollten aber keinen Keil zwischen Andreas und seinen Eltern treiben. Das hatten seine Eltern nicht verdient, nachdem sie sich 19 Jahre um Andreas gekümmert hatten. Andrew und Elaine brauchten eine Weile, um sich zu sammeln. Die Nachricht war Schock und Freude zugleich.

„ Komm, Liebster, lass uns frühstücken und heute Abend, bei einem Glas Wein, auf Andreas Geburtstag anstoßen, wie wir es jedes Jahr gemacht haben,\" sagte Elaine und wischte die Tränen ab - zuerst sich, dann Andrew.

„ Ja, habe Hunger bekommen. Seine Schwester hatte Recht.\"

„ Mit was Recht?\"

„ Eine große Last ist von uns abgefallen. Wenn ich ehrlich bin, habe ich es jeden Tag befürchtet und vor dem Tag Bammel gehabt.\"

„ Den hatte jeder von uns, Andy. Einer zeigt es mehr, der andere weniger. Ich habe sie bei dir nicht sehen können.\"

„ Mag an meinem Beruf liegen, nicht alles gleich anmerken lassen.\"

„ Ich weiß. Würdest du im Leben so hart sein, wie du es als Kommandeur bist, hätte ich dich bestimmt nie geheiratet. Harte Schale, weicher Kern.\"

„ Du hast wie immer Recht, Liebes.\"

„ Ich weiß. Ehefrauen haben immer Recht.\"

28. März 1984, London Heathrow Airport

Christiane und ihr Mann Alan warteten im Terminal 1 des Flughafens Heathrow. Beide waren ungeduldig und fieberten dem Besuch aus Deutschland entgegen - ein von langer Hand geplanter Besuch. Die Durchsage, die Lufthansamaschine sei soeben gelandet, war schon eine Weile her. Wie immer dauerte die Kofferausgabe sehr lange. Sie war der Grund für die Verzögerung. Kurze Zeit später sah Christiane, kurz Chrissie genannt, die Person, auf die sie wartete - ihren kleinen Bruder Andreas. Das heißt, \"kleiner Bruder\" war wohl nicht ganz das richtige Wort. Andreas war zwar jünger als Chrissie, aber er überragte sie und ihren Mann um Haupteslänge.

„ Da kommt er ja!\" rief Chrissie.

„ Ist ja wirklich ein Hüne von Mann geworden,\" stellte Alan fest.

Chrissie und Alan waren seit 1973 verheiratet und hatten zwei Kinder. Sie maßen gerademal 165cm. Alan diente seit seinem 18. Lebensjahr in der britischen Armee und bekleidete den Rang eines Sergeanten. Zuvor war er zwei Jahre bei der Boys Army - eine Art Pfadfindergruppe für größere Jungs, die auf den Eintritt in die Armee vorbereitet werden. Inzwischen hatte Alan 11 Dienstjahre hinter sich. Für 11 Jahre war sein Dienstgrad ganz gut. Die britische Armee befördert nicht so einfach wie vergleichbare Armeen. Alan war zufrieden. Er sah seinen Schwager durch die Zollschranke kommen. Andreas war wirklich ein Hüne, 184cm groß und stämmig gebaut. Seine Haare waren dunkel und kurz. Er trug eine für das warme Wetter angemessen legere Kleidung und eine Sonnenbrille. Beide sahen, wie er lächelte und lächelten zurück. Wenig später umarmten sich alle Drei herzlich.

„ Willkommen in England kleiner Bruder,\" sagte Chrissie.

„ Klein ist gut. Entweder wachse ich weiter, oder ihr…,\" erwiderte Andreas und biss sich auf die Lippe, um nichts Falsches zu sagen.

Chrissie hieb auf seinen Arm ein. Sie wusste, dass er nur scherzte.

„ Kann ja nicht jeder so groß sein wie du.\"

„ Ja. Kommt wohl daher, dass ich andere Eltern habe,\" kam es bitter zurück.

„ Hey. Wir haben oft genug am Telefon darüber geredet,\"\" sagte Chrissie.

„ Ja. Deswegen bin ich dir sehr dankbar, große Schwester.\"

Andreas betonte das \"große\" etwas. Jetzt lächelte er wieder. Alan nahm ihm einen der beiden Koffer ab.

„ Sei vorsichtig mit dem Koffer, Schwager. In dem Koffer sind eure Zigaretten und zwei Flaschen Whiskey.\"

Alan klopfte sanft auf den Koffer und grinste. In England waren Zigaretten und Alkohol damals noch sehr teuer. Das lag an den hohen Steuern. Auf Flügen innerhalb der EG wurden EG-Bürger kaum kontrolliert, kleine Schmuggeleien waren möglich - nur im kleinen Stil, versteht sich. Alle Drei gingen zum Auto. Chrissies und Alans PKW stand etwas abseits. Beide Koffer wurden im Kofferraum vestaut - der besondere Koffer oben. Die kostbare Fracht sollte auf keinen Fall beschädigt werden. Andreas setzte sich nach hinten ins Auto und zündete sich eine Zigarette an.

„ Wo sind eure Kinder?\" fragte er.

„ In der Schule - wo sonst? Sie haben erst in einer Woche Ferien,\" antwortete Chrissie.

Die Fahrt von Heathrow nach Buford war kurz. Buford lag im Südwesten Londons. Nach einer Stunde Fahrt und einem eher belanglosen Gespräch kamen sie beim Haus von Chrissie und Alan an. Andreas grinste, als er sah, wie sachte sein Schwager den besonderen Koffer trug. Viel war geschehen, seit man ihm die Wahrheit eröffnet hatte - sehr viel. Seine Pflegeeltern hatten ihm einen Teil seines Geldes gegeben. Seines Geldes? Andreas leiblicher Vater Andrew hatte einmal im Jahr eine größere Summe überwiesen, um dem Sohn ein sorgenfreies Leben zu ermöglichen. Seine Pflegeeltern hatten dieses Geld angelegt und sich selbst eine Existenz davon aufgebaut. Sie besaßen ein Zeitungs- und Tabaksgeschäft sowie einen Schreibwarenladen. Den größten Teil des Geldes legten sie auf der Bank an. Sie selbst konnten gut von ihren beiden Geschäften leben. Als die Wahrheit ans Licht kam, ließen seine Pflegeeltern das Geld auf Andreas Konto überweisen. Andreas wollte es sofort wieder zurückgeben, doch sein Pflegevat
er lehnte ab. Es sei sein Geld, sagte er nur, sie hätten es für ihn angelegt - eine stattliche Summe. Andreas machte sich nicht viel aus Geld - und er mochte die Bezeichnung Pflegeeltern nicht. Für ihn waren und blieben es seine Eltern. Sein Vater war der Papa und seine Mutter eben Mama. Lange Gespräche mit den Eltern folgten - worüber beide sehr glücklich waren. Andreas wurde klar, dass es irgendwann eine Begegnung mit seinem leiblichen Vater geben würde. Ihn quälten viele Fragen, doch zweifelte er im Innersten daran, jemals die richtigen Antworten zu erhalten - klare Antworten.

Jetzt war erstmal der Besuch bei Chrissie in London angesagt. Im Gästezimmer packte er seine beiden Koffer aus, brachte die Mitbringsel nach unten und stellte sie auf den Tisch. Alan gingen die Augen über, als er die Whiskymarke sah.

„ Wow! 18 Jahre alter Whiskey. Der war bestimmt teuer, Andy,\" meinte Alan erstaunt.

„ Jepp. Wenn schon, denn schon. Habe genug Geld und warum soll ich Fusel mitbringen?\"

„ Was bekommst du für die Zigaretten?\" fragte sein Schwager

„ Nichts, nothing, nada. Ihr habt mich für drei Wochen eingeladen. Das kostet euch genug Geld. So dicke hast du es auch nicht, Schwager. Außerdem hat Mama mir das Rauchzeug aus unseren Tabakladen mitgegeben.\"

Kein Widerspruch, signalisierte Alan mit erhobenen Armen und lächelte. Andreas lächelte zurück. Er sah sich im Hause um. Es war sein erster Besuch in Buford. Das Haus war ein typisches Domizil im englischen Stil. Oben gab es vier Schlafzimmer und ein Badezimmer, unten ein Wohnzimmer, Küche, Haushaltsraum und eine Gästetoilette. Nach hinten hinaus lag der Garten. Es war ein kleiner Garten, typisch englisch. Andreas sah, dass er gut gepflegt war. Die Beete waren mehr als ordentlich und unterteilt in Kräuter- und Blumenbeete. Auf einer Terrasse standen Gartenmöbel aus geflochtenem Bast. Auf den Sitzen lagen nette Kissen. Er musste lächeln, als er den Hund seiner Schwester sah. Es war ein Rauhaardackel, der auf den Namen Jack hörte. Das hatte ihm Chrissie gesagt. Der Hund tummelte sich im Garten und jagte einen kleinen Schmetterling. Andreas bemerkte nicht, dass seine Schwester plötzlich neben ihm stand.

„ Alles okay mit dir?\" fragte sie.

„ Ja. Mach\' dir nur keine Sorgen, Chrissie. Dein Hund ist wirklich sehr lebhaft.\"

„ Das ist er - wenn auch manchmal etwas verrückt... siehst ja.\"

Der Hund sprang immer wieder in die Luft. Wollte der Schmetterling ihn ärgern? Immer wieder suchte er die Nähe des Hundes, flog tiefer, bis nah an die Schnauze. Der Hund ließ sich nichts gefallen. Es war wohl gegen seine Ehre, dass ein so kleiner Schmetterling ihn, den viel Größeren, ärgerte. Erst jetzt bemerkte er sein Frauchen und rannte zu ihr. Danach beschnupperte er den neuen Gast. Anscheinend roch er nichts Verdächtiges und trottete ins Haus. Hatte er wirklich das Interesse am Schmetterling verloren - oder wollte er ihn mit Missachtung strafen?

„ Komm rein, kleiner Bruder. Trinken wir eine Tasse Tee zusammen,\" sagte Chrissie.

Trotzdem blieben beide wie angewurzelt im Garten stehen und beobachteten die Eskapaden des kleinen Schmetterlings.

„ Klingt gut. Obwohl dein Männe gerne etwas anderes probieren würde.\"

„ Dem haue ich gleich auf die Finger. Wir haben erst kurz nach Mittag. Willst du wirklich kein Geld für die Zigaretten nehmen?\"

„ Nein, Chrissie. Lass mal dein Geld stecken. Wie viel verdient ein Sergeant der britischen Armee eigentlich?\" fragte Andreas interessiert.

„ So um die Tausend Pfund. Davon gehen aber noch Miete und Strom ab. Bleiben ungefähr 650 Pfund. Warum fragst du?\"

„ Ich werde auch zur Armee gehen,\" antwortete Andreas.

„ Zur Bundeswehr?\"

„ Nein. Mir ist in den letzten Wochen vieles durch den Kopf gegangen. Ich habe die Green Card beantragt. Du weißt ja, was das heißt, Chrissie. Dass ich einen amerikanischen Vater habe, spielt bei meiner Entscheidung keine Rolle. Hatte es schon geplant, bevor ich die Wahrheit erfahren habe. Ich werde auf eine Militärakademie gehen - in die USA - anschließend zur US Army. Ich mache das nicht, Chrissie, weil mein leiblicher Vater auch dort ist, sondern weil ich es selber so will. Kenne ihn ja noch nicht mal und bin ihm zu nichts verpflichtet. Was haben wir schon gemeinsam - naja, außer der Tatsache, dass er mein Erzeuger ist?\"

„ Er hat immer für dich gesorgt, Andy und immer genug Geld geschickt, damit es dir im Leben an nichts fehlt.\"

„ Kann Geld Liebe ersetzen? Ist die Tatsache, dass er mich im Stich gelassen hat, mit Geld wieder gut zu machen?\" fragte Andreas gereizt.

„ Nein. Geld kann nicht alles heilen. Aber es gibt einige Väter, denen es egal ist, was aus ihrem Sohn wird. Die hauen einfach ab und vergessen das Kind. Dein Vater hat sich immer nach dir erkundigt. Hat er dich etwa aus den Augen verloren? Nein, nie. Hast ja selber gesehen, wie viele Briefe sich bis heute angesammelt haben.\"

„ Ja. Papa hat sie mir alle gegeben, hab\' sämtliche gelesen. Wenigstens etwas, was ich meinen leiblichen Vater anrechnen kann.\"

„ Kennst du die Umstände, die deinen Vater dazu gezwungen haben, dich wegzugeben? Es war damals eine ganz andere Zeit, Andy. Er war ein junger Offizier.\"

„ Nein. Ich weiß, dass ich im Moment unrecht habe und voreingenommen bin. Nur kenne ich weder die Wahrheit noch seine Gründe. Ich muss von dem ausgehen, was ich gehört und in seinen Briefen gelesen habe. Bisher weiß ich lediglich, dass er Colonel ist und in Texas lebt, dass seine Frau Elaine heißt und er mir den Jeep geschenkt hat - verrückt.\"

Chrissie lachte:

„ Der berühmte Jeep, der alles ans Licht brachte.\"

„ Ja, Chrissie. Ich bin nicht blöd und kann Eins und Eins zusammenzählen. Warum sollte mir ein Freund unserer Eltern einen Jeep schenken, der mindestens 50000 Mark gekostet hat? Oder warum schrieben er und unsere Eltern sich ausgerechnet 19 Jahre lang Briefe? Siehst du jetzt, warum ich plötzlich hellhöhrig wurde?\"

„ Offensichtlich. Der Zeitpunkt des ersten Briefes... dein Alter.\"

„ Jepp. So bekam ich nach und nach die Wahrheit heraus. Unsere Eltern haben mir die restliche Wahrheit gesagt, als sie merkten, dass ich eh schon mehr als genug wusste.\"

„ Was würdest du tun, wenn dein Vater dich mal besuchen käme?\" klopfte Chrissie vorsichtig auf den Busch.

Sie tat es nicht ohne Grund. Andrews Besuch stand unmittelbar bevor. Andreas Osterferien in England waren Teil des Planes. Es war höchste Zeit, den kleinen Bruder langsam und schonend vorzubereiten.

„Weiß nicht, Chrissie, keine Ahnung. Weiß noch nicht mal, ob ich ihm Vorwürfe machen würde. Es ist alles nicht so leicht - weder für mich noch für meinen Vater. Aus dem Alter, wo ich sauer reagieren würde, bin ich raus, würde nichts Unbedachtes tun. Werde es auf mich zukommen lassen und sehen, was wird.\"

Chrissie nickte nur.

„ Komm rein. Machen wir uns Tee. Gleich kommen die Kinder aus der Schule. Beide freuen sich schon auf dich.\"

„Bestimmt - weil ich Geschenke dabei habe.\"

Seine Schwester lachte kurz auf. Beide gingen ins Haus. Andreas freute sich sehr, als die Kinder aus der Schule kamen. Sie nahmen ihn, wie er war und sahen in ihm den Onkel. Warum sollten sie auch anders denken? Seine Nichte Stephanie sah der Mutter sehr ähnlich - lange blonde Haare, die zu einem Pferdeschwanz gebunden waren. Sein Neffe Alun sah aus wie sein Vater Alan, die gleichen dunklen Haare, die gleiche Gesichtsform. Nur die Nase und das energische Kinn hatte er von der Mutter geerbt. Was die Größe anging, schlug er aus der Art. Der lange Alun überragte alle Drei um einen halben Kopf, hatte anscheinend etwas von einem alten Vorfahr mitbekommen. Beide freuten sich über die Geschenke und bedankten sich herzlich. Andreas sah, dass beide wohlerzogen waren. Alle Vier stellten am Abend allerdings fest, dass Andreas sehr nachdenklich und in sich gekehrt war - irgendwie ernster als früher. Sprachprobleme gab es nicht. Andreas sprach ausgezeichnet Englisch, fast perfekt. Die englische Sp
rache hatte er in der Schule gelernt - schon sehr früh. Sein Gymnasium war eine deutsch-amerikanische Schule, an der Deutsche und Amerikaner gemeinsam lernten. Die Schule hatte einen mehr als berühmten Namen: John F. Kennedy Highschool. Der Unterrichtsstoff entsprach in etwa dem, was die Kinder in Amerika lernten. Das war erst durch eine Sondergenehmigung möglich geworden. In Berlin galt die John F. Kennedy als bedeutende Eliteschule. Von 100 Bewerbern wurden nur 10 genommen. Zudem kostete die Schule, im Gegensatz zu den regulären deutschen Schulen, ein jährliches Schulgeld. Andreas hatte nie Probleme mit dem Lernen. Die Schule fiel ihm im allgemeinen leicht, weswegen sein Notendurchschnitt bei fast 1,2 lag.

Die restliche Woche verlief eher ruhig. Alle versuchten, Andreas etwas abzulenken. Nur Chrissie und Alan wussten von dem Besuch, der für den nächsten Tag geplant war. Es war ein lebensentscheidender Besuch für Andreas und seinen leiblichen Vater. Am Abend klingelte das Telefon. Chrissie nahm ab und verließ nach wenigen Worten das Wohnzimmer, den Hörer am Ohr. Andreas wunderte sich zwar, aber möglicherweise waren es die Schwiegereltern, und man besprach intime Themen, die ihn nichts angingen. Mit den Schultern zuckend nahm er es einfach zur Kenntnis. Nur Alan ahnte, wer am anderen Ende des Telefons war und blickte stirnrunzelnd zu seinem Schwager hinüber.

„ Hast du Lust, morgen mal meine Kaserne kennen zulernen?\" fragte Alan.

„ Ah. Sehr gerne. Kriegst du da keinen Ärger?\"

„ Nein. Warum sollte ich Ärger bekommen, wenn ich meinen Schwager die Kaserne zeige? Geht schon klar.\"

„ Wie gesagt, sehr gerne. Würde mich schon interessieren, wie es bei euch so abgeht.\"

„ Wie - bei euch? In jeder Armee geht es fast gleich ab, bei uns nur eben etwas traditionsbewusster.\"

„ Werde ja bald auf die Akademie gehen. Bin da schon sehr gespannt.\"

„ Hast du schon das Okay?\"

„ Noch nicht. Ich war auf dem amerikanischen Konsulat, bei uns in Berlin. Die haben mich zum Army Recruiting Office geschickt. Der Offizier hat dann ein paar Formulare ausgefüllt und meinte, dass nun alles seinen Weg ginge. Aufgrund meiner schulischen Leistungen müsse ich mir keine Sorgen machen. Woran das noch hapert, weiß nicht.\"

Durch die Unterzeichnung der sogenannten Wannseeverträge war Berlin in vier Zonen geteilt. Die Sowjets hatten den östlichen Teil besetzt, die drei westlichen Zonen waren den Allierten - Amerikaner, Briten und Franzosen - übergeben worden. Später wurden es Bezirke. Im nördlichen Bezirk waren die Franzosen, im Westen die Briten (dort war Alan stationiert gewesen und hatte seine Frau Chrissie lieben gelernt). Den Bezirk im Süden der Stadt hatten die Amerikaner. In den Bezirken Zehlendorf und Steglitz hatten sie ihre Kasernen. Im Hauptquartier, der Berlin Brigade, die aus 2500 Mann bestand, war auch das amerikanische Konsulat untergebracht.

„ Du hast doch einen amerikanischen Vater. So gesehen bist du ja zur Hälfte Amerikaner. Ich glaube, dass du sogar die Staatsbürgerschaft beantragen könntest und würdest sie bekommen.\"

„ Mag sein. Ich möchte es aber nicht wegen ihm schaffen sondern alleine.\"

Alan wusste, wer mit \"ihm\" gemeint war - der ferne Vater. Die Haltung seines jungen Schwagers, es aus eigener Kraft schaffen zu wollen, imponierte ihm. Alan wurde bewusst, dass Andreas ein dornenreicher Weg bevorstand. Nicht viele würden diesen Weg gehen: In ein fremdes Land auswandern - und gleich noch in dessen Armee eintreten. Noch immer fragte er sich, weshalb sein Schwager ausgerechnet in die US Army wollte und nicht zur deutschen Bundeswehr. Da er aber durch gemeinsame Manöver die Qualität der deutschen Armee kannte, konnte er verstehen, warum Andreas nicht zur Bundeswehr wollte, obwohl sein Schwager dort bestimmt Karriere machen könnte. Eine verzwickte Sache. Der Besuch am nächsten Tag sollte dem Ganzen die Krone aufsetzen.



Antworten:



Ihre Antwort

Name:
E-Mail:

Subject:

Text:

Optionale URL:
Link Titel:
Optionale Bild-URL:


[ Antworten ] [ Ihre Antwort ] [ Forum www.internet-stories.de ]