"Hals- und Beinbruch"
Einem anderen Hals- und Beinbruch zu wünschen, mag ja einigermaßen brutal klingen, geht aber auf eine alte Überlieferung zurück, als man noch befürchtete, durch unverstellte Glückwünsche die Aufmerksamkeit böser Geister zum Schadenstiften zu wecken. Das Gegenteil durfte man ruhig wünschen, denn die Geister waren damals fürchterlich dumm und merkten nicht, wenn sie angeführt wurden.
Jemandem den Daumen halten, ist nicht nur wörtlich gemeint, sondern geht auf eine alte Tradition zurück, welche verdeutlichen will, daß man einem anderen Menschen in Gedanken beisteht. Der Daumen galt nämlich früher als kräftigster Finger und schlug man ihn so in die Hand, daß die anderen Finger ihn schützend umschlossen, bewahrte man das Glück.
Die Geballte Faust war eine Zaubergebärde, welche vor bösen Dämonen schützte. Diese Geste wird bereits von Plinius in seiner Naturgeschichte erwähnt.
Im Gegensatz zum Daumen ist bei den Füßen die Ortsbestimmung von besonderer Bedeutung. So vermutet man von jemandem, daß er mit dem linken Fuß zuerst aufgestanden sei, wenn er in den Morgenstunden oder den ganzen Tag über mürrisch ist. Dabei bedeutete Sinister bei den alten Römern schon nicht bloß links, sondern auch ungünstig.
Damals schon galt es als unheilvoll, wenn bei der Deutung des Vogelfluges die Vögel von links heran flogen. Möglicherweise daher auch die Bevorzugung der rechten Hand für die meisten Tätigkeiten.
Als Ludwig XVI. auf seinem letzten Weg am 21. Januar 1793 zum Schafott geführt wurde, stolperte er über ein Brett. "Ein schlimmes Vorzeichen", soll er gescherzt haben, "es wäre besser, ich würde umkehren!" Damit deutete er auf einen alten Aberglauben hin, daß man umkehren sollte, wenn man gestolpert ist. Damit ist aber weniger ein beliebiges Stolpern gemeint, eher das Anstoßen des Fußes an die Türschwelle, unter der die Seelen der Verstorbenen oder der Hauskobold das Haus vor Schaden zu bewahren hatten.
Schon bei den alten Römern galt, wer mit dem Fuß gegen die Schwelle stieß, verging sich gegen den Geist des Hauses und nahm von seinem Vorhaben besser Abstand, indem er umkehrte.
Raben waren die Galgenvögel des Mittelalters, welche wegen ihrer unmelodischen Stimme und des Pechvogelgefieders nicht besonders geschätzt wurden. Noch in der Antike galt der Rabe als ein mit Wissen und der Gabe des Prophezeiens ausgestattetes Tier, und in der germanischen Mythologie sitzen die Raben Hugin und Munin auf Odins Schultern und raunen ihm Nachrichten ins Ohr.
Seine Neigung Aas und Leichen zu verzehren, hat ihn später wohl zu einer Art Leichentier werden lassen, einem bösen Seelenvogel und damit zu einem Unglücksraben.
Ebenso alt ist der Aberglaube, wonach sich ein Unglück einstellt, wenn ein Spiegel versehentlich oder vorsätzlich zerbrochen wird. Man nahm früher an, daß der Spiegel das Bild des Hineinblickenden bewahren würde und geschah dem Spiegel etwas Übles, so geschah es auch seinem Besitzer.
Im Gegensatz dazu sollen andere Scherben aber Glück bringen. Das ist ein Aberglaube, der darauf verweist, daß man früher mit Lärm böse Geister verscheuchte. Noch heute zerbricht man das Glas bei der Grundsteinlegung oder dem Richtfest, aus dem man zum Wohle anderer Menschen getrunken hat. Eine Sitte, welche darauf beruht, daß man bei früheren Opfermählern die benutzten Geräte zerschlug, damit sie sicher dem weiteren weltlichen Gebrauch entzogen waren.
Sogar in die Anstandsbücher eingegangen ist ein Aberglaube, der es verbietet, weiße Rosen zu schenken. Im alten Rom trauerte man in Weiß und in der Geschichtsschreibung begegnet man der Erzählung, daß Domherren und Mönche drei Tage vor ihrem Tod eine weiße Rose im Chorgestühl gefunden hätten.
Daß Weiß eine Glücksfarbe ist und die Farbe der Unschuld, wurde mit der christlichen Auffassung überliefert. Taufkleid, Kommunionskleid und Brautkleid sind weiß, aber auch der Kindersarg. Und von Unbescholtenen sagt man, daß sie eine weiße Weste haben.
Toi, toi, toi, sagt man, wenn man sich selber oder einem anderen Glück für ein waghalsiges Vorhaben wünscht. Diese Lautmalerei bezeichnet heute noch das dreimalige Ausspucken, zu Zeiten, als der Speichel des Menschen noch als Unheil bannend galt. So war es früher auch keine Geste der Verachtung, vor einem anderen Menschen auszuspucken, sondern ein Abwehrzauber, um sich vor Dämonen zu schützen.
Heute findet dieser Zauber nur noch in abgewandelter Form Verwendung, indem man z.B. das zuerst eingenommene Geldstück bespuckt, damit es weitere Einnahmen nach sich zieht.
Und so geht es weiter mit dem Aberglauben, der Tradition einer Vergangenheit. So glaubt man z.B. vom Siebenschläfer, der es täglich sieben Wochen lang regnen lassen soll, wenn es am 27. Juni geregnet hat. Das ist aber wirklich nur ein Aberglaube, da es in Deutschland noch nie so lange hintereinander eine unveränderte Wetterlage gegeben hat.
Die Geschichte dieses angeblich wetterbestimmenden Tages reicht bis in das Mittelalter zurück, als noch der julianische Kalender galt. Er ist übrigens der einzige Orakeltag, der von der Änderung in den gregorianischen Kalender keine Notiz genommen hat.
Darüberhinaus haben sich viele Aberglaubensregeln im Verlaufe des Bestehens des Menschengeschlechtes angesammelt, zum Teil uralt und zum Teil auch noch ganz jung.
Da soll man sich nicht das Zeug am Leibe flicken lassen, weil sonst das Unglück mit eingenäht wird. Nicht einmal einen Knopf soll man sich annähen lassen, wenn man das Kleidungsstück am Leibe trägt. Es besteht die Möglichkeit, daß hier das Symbol des Kreuzstichs als Zeichen des Kreuzes zur Möglichkeit des Festmachens oder Anzauberns wird.
Weniger Symbolisch ist die Höflichkeit, auf ein Niesen "Wohl bekomms", "zum Wohlsein", oder "Gesundheit" zu sagen, obwohl es nicht unhöflich wäre, das Niesen ganz einfach zu überhören.
Schon die alten Römer hielten es mit dieser Höflichkeitsregel, denn für sie hatte das Niesen einen vorbedeutenden Sinn, da Krankheiten und Beschwerden, durch im Körper hausende Geister verursacht, durch Niesen vertrieben werden, wozu man dem Betreffenden Glück wünschte.
Nicht ganz so alt ist der Aberglauben, daß der, der zufällig einem Schornsteinfeger begegnet, Glück hat. Dieses Orakel ist ein netter Aberglaube, welcher noch aus der Zeit stammt, als die Schornsteinfeger die Jahresabrechnung mit einem gedruckten Glückwunsch zum Neuen Jahr überreichten. Dieser kleinen Zugabe verdanken die Schornsteinfeger ihre symbolische Glücksbedeutung.
Allein schon an diesem letzten Beispiel ist doch zu erkennen, daß der Aberglauben in unserer Zeit die Menschen nicht nur liebenswerter, sondern auch menschlicher macht.
©
Günter Schrön
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